Die Leipziger Publikumsmesse
Buchfreunde und Zeitungsleser wissen es: Es ist Messezeit. Am Messefreitag stürzte auch ich mich ins Leipziger Getümmel. Das ist wörtlich zu verstehen, denn zwischen Cosplayern und Rentnerinnen, quäkenden Kindern und schwänzenden (?) Schülern fühlt sich der von den Frankfurter Fachbesuchertagen verwöhnte Besucher ziemlich verloren. Mehr als einmal wünschte ich mir eine ordentliche Flächenwaffe – oder alternativ etwas Hirn in die Köpfe der Leute. Sei’s drum, ein netter Tag war es dennoch, u.a. mit einer ganz interessanten StartUp-Diskussion mit PaperC. Mein persönliches Highlight waren aber – mal wieder – die religiösen Verlage. (Esoterik fand ich kaum, auch wenn die Übergänge da ja bekanntlich fließend sind.)
Burks zitiert ja immer wieder Lichtenberg, und heute komme ich vor lauter religiöser Kindereien auch nicht drum herum: “Unsere Welt wird noch so fein werden, dass es so lächerlich sein wird einen Gott zu glauben als heutzutage Gespenster.”
Man bekommt in Leipzig ja so gut wie nichts umsonst: Nicht einmal eine Frankfuter Rundschau oder eine ZEIT, ohne ein Abo abzuschließen. Einzige Ausnahme: Religiöse (eigentlich nur christliche) Propaganda. Ein christlicher Comic, der von der wunderbaren Rettung eines notorischen Schulversagers berichtet, ist mir leider (?) abhanden gekommen, daher kann ich ihn nicht dokumentieren. Noch in meinem Rucksack fand ich aber zwei – ebenfalls auf Jugendliche abzielende – Flyer, die in sehr, sehr einfachen Worten und mit hinkenden Vergleichen versuchen, Jugendliche in den Bann der Kirche bzw. der Religion zu ziehen.
Man mag über diese Inhalte lachen, aber vermutlich verfällt der ein oder andere diesem seltsamen Gewäsch. Deutlich krasser fand ich dann ein Werk, das versucht, die Apokalypse des Johannes dahingehend zu deuten, dass die dort geschilderten “Wehe” in den letzten Generationen begonnen haben, sich in die tat umzusetzen. Der Holocaust gilt dabei – grob gesagt – als erstes Wehwehchen, der Sowjetkommunismus und die folgende Russische Föderation als das zweite. Und die dritte erwartet uns im kommenden Jahrtausend, mit dem glücklichen Ende, dass alle Menschen Christen werden.
Juristische Anmerkung: Dass der Autor Dr. Christoph Schindler darauf hinweist, er gebe bei Direktbestellung bei ihm seinen Autorenrabatt weiter, verstößt nach meiner Auffassung gegen die Preisbindung (auch wenn ich vehementer Gegner derselben bin).
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Fast schon wohltuend war da die Präsenz des Ahriman-Verlags. Die Herrschaften sind zwar genauso fundamentalistisch, aber dafür im Dienste eines aufklärerischen Gedankens. Nicht gut, aber besser – und vor allem besser geeignet, zum Denken anzuregen. Man versucht sich dort übrigens gerade an einer Enzyklopädie.
Deine Sorgfalt, FAZ …
… möchte ich mal einen Tag haben: Muss sehr entspannend sein. Wer ist Martin Wittmann und warum hat er diesen Artikel über steuerfinanziertes Saufen in bayerischen Ministerien verbrochen? Daraus hätte man einen feinen, vielleicht sogar investigativen Seitenhieb auf die bayerische Politik machen können. Stattdessen ein Bericht, der vor seltsamen Zahlenspielen nur so strotzt:
“Der Mann zur Linken hat ebenfalls die 1,1-Grenze im Blick, muss aber, da stämmiger, 6,5 Halbe Bier trinken. Man glaube ja gar nicht, wie viel man trinken müsse, um diesen oder jenen Wert zu erreichen, lautet der überraschende Konsens der Gespräche. Abschreckung sieht anders aus.”
Die Kommentare weisen schon darauf hin: Der Mann muss nicht stämmig sondern krankhaft fett sein, etwa 160kg dürften von Nöten sein, um über 6 Bier etwas entgegen zu stellen.
“Der Gedanke an 1,54, also an weiteres Bier, ist am Ende unerträglich. So stellt man sich immer noch die Frage, wie Frau Käßmann damals noch fahren konnte. Es ist also nicht mehr nur eine Frage nach der Moral, sondern nach der Fähigkeit. Oder, wie Gilg noch sagt: „Bei dem Wert kann man normalerweise nicht mal mehr auf ein Radl steigen.“ Man will ihm nach diesem Abend Glauben schenken.”
Unwahrscheinlich, dass einen 1,54 Promille daran hindern, Rad zu fahren – ansonsten machte der Grenzwert für Fahrradfahrer bei 1,6 Promille keinen Sinn. Wer hat da recherchiert? Keiner. Danke, Holzmedien, dass ihr bald sterbt!
Zum abgewöhnen
Mir fiel gerade fast mein Frühstückskaffee aus dem Gesicht. (Ja, ich habe Semesterferien, nicht vor, sinnvolle Dinge zu tun und stehe daher erst mittags auf – wobei ich meine Produktivität in die Nachtstunden verlagert haben, ihr puritanischen Arbeitsethiker!) Über burks zu netzpolitik und dort einen Youtube-Mitschnitt gesehen, der mal wieder an Geist und Glaube zweifeln lässt:
Alice Schwarzer und die erzkatholische Frau von und zu Guttenberg (Irgendwie eine Nachfahrin Bismarcks – dieser ganze Adelsschwachsinn lässt mich manchmal eine ordentliche antifeudalistische Revolution wünschen – und Vertreterin Chefin von “Innocence in Danger“, den Zensursula-Lobbyisten) plappern sinnfrei und unerfahren daher, was sie sich wohl aus konservativen Propagandaheftchen angelesen haben. Von der Schwarzer, deren gute Zeiten auch lange vor meiner Geburt endeten, erwarte ich wahrlich nichts anderes – was sollte ein Dinosaurier über Straßenbau wissen?
Die Angst vor der Angst
Im Editorial zum heutigen Böbla (leider nicht online) schreibt Torsten Casimir:
“Natürlich entbieten Veranstaltungenw ie die Cebit Grüße aus der Zukunft. Aber die Beruhigung, diese Zukunft könnte noch ferne liegen, hat sich erledigt.” (Böbla 10/2010, S. 3)
Ganz ehrlich: Wäre ich in dieser Situation, hätte ich mehr Angst vor meiner Angst vor der Zukunft, als vor der Zukunft selber. Denn irgendwie deutet das darauf hin, dass eine Branche feststellt, dass sie ihre Existenz auf Treibsand gebaut hat – und sich nun beim Versickern zusieht. Ich halte das für alles andere als unausweichlich. Nur müsste man vielleicht mal seine Angst überwinden …
Masters of Horror, Season 2
Wir machen weiter mit der Review der Serie Masters of Horror, nun Staffel 2.
- #15 “Family“: Dass es sich um ein Mirrormatch handelt, wurde mir schnell klar, auf die eigentliche Lösung kam ich aber nicht bis zur Auflösung. Jeder hat “dark secrets”.
- #19 “Pelts“: Sehr, sehr drastische Gewalt. Und akustisch sehr gut untermalt.
- #20 “The Screwfly Solution“: Warum man die Männer zuerst ausrotten sollte … eine Geschichte, die ihren Horror aus der kombination von Ungerechtigkeit und Realitätsgehalt gewinnt.
- #21 “Valerie on the Stairs“: Nach einer Story von Clive Barker – über Elternmord von fiktiven Figuren und die Fiktionalität realer Personen. Mit einem tragischen Ende, ob fiktional oder real.
- #24 “The Black Cat“: Herrlich viktorianische Gaslicht-Stimmung, aber mit einigen Längen. Trotzdem: Ein Muss für Poe-Fans.
- #25 “The Washingtonians“: Warum sollte man vor G.W. keine Angst haben? Visuell sehr eindrucksvoll!
“Vom Nutzen der Schwermut”
Eine mögliche Erklärung wäre, dass die Depression doch irgendeinen geheimen Zweck erfüllt; in diesem Fall würden medizinische Eingriffe die Sache nur noch schlimmer machen. Ähnlich wie Fieber dazu dient, einen Infekt zu bekämpfen, könnte die Depression eine belastende, aber insgesamt hilfreiche Reaktion auf traumatische Belastungen sein. Vielleicht hatte Darwin recht: Wir leiden, sogar schrecklich, aber wenigstens nicht vergebens.
Die FAZ räsonniert über die Depression. Ich halte die Sichtweise für zu individualistisch, ich glaube nach wie vor, dass es sich bei der Depression um eine sziale Krankheit handelt, die auch evolutionär nur als kollektiv-gesellschaftliches Phänomen zu verstehen und zu erklären ist. Auchd ie ganzen Geniekult-Zitate schlagen in diese Kerbe und verfehlen damit m.E. das Ziel. Die Depression mag auch individuelle Vorteile bieten, ihre eigentliche Aufgabe ist aber nach meiner Ansicht eher, Kollektive dazu zu zwingen, ihre Handlungsweisen zu überdenken bzw. zu beeinflussen.
Religiöser Holz-Spam aus Österreich
Heute erreichte mich per Eilpost (!) aus Österreich ein Brief. Da die wenigen österreichischen Bekannten, die ich habe, eher per Mail Kontakt aufnehmen, wunderte mich das doch erheblich. Wollte mir der österreichische Geheimdienst etwas sagen (und gibt es sowas überhaupt)? Noch verwunderter war ich, als ich den Inhalt besah: Religiöse Erbauungsliteratur und Missionsschriften (natürlich christlich). Frau Mag. (Magister?) Eva Michalke-Gantioler scheint viel derartige “Literatur” zu versenden, insbesondere “kostenlose urchristliche Literatur”. Meine Hypothese: Die Frau hat einen religionskritischen Beitrag hier in den Seitenhieben gelesen und sich gedacht, eine Seele retten zu müssen. Hat irgendjemand sonst ähnliche Erfahrungen gemacht?
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Der Munchkin-Kultist
Hier handelt es sich um eine weitgehend sinnfreie Geschichte. Munchkin ist ja bekanntlich ein Spiel, das RPG-Mechaniken von dämlichem Rollenspiel und Plot befreit und in dem man sich als Powergamer wunderbar wohlfühlt. Nun: Wie das so ist, halte ich mich nicht an diese Auflagen. Also versuchte ich, das Unmögliche möglich zu machen: Einen realistischen Kultisten-Charakter zu bauen.
Zum Setting: Wir spielten ein schneller, episches Spiel.
Ein Ratgeber für alle Lebenslagen
Ich habe neulich mal wieder mein Exemplar dieses Buches rausgeholt:
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Zufällig berichtete am 4. März auch burks darüber. Koinzidenzen … Aktuell bin ich mal wieder bei Ensel & Krete angelangt, mit den mythenmetz’schen Abschweifungen und den kleinen Seitenhieben (Schillers Apfel wird zur Geruchs-Kakophonie aus 1001 Schubladen).







