Rezension: Manfred Lütz, Irre – Wir behandeln die Falschen
Manfred Lütz, Irre – Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen – Eine heitere Seelenkunde, Gütersloher Verlagshaus, ISBN-10: 3579068792, 208 Seiten, EUR 17,95
„Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen“, lautet der Untertitel der „heiteren Seelenkunde“ von Manfred Lütz. Diese augenzwinkernde Prämisse zieht sich durch das gesamte Buch, vom Vorwort des Kabarettisten und Arztes Eckart von Hirschhausen über die Psychiatriegeschichte bis hin zur Darstellung moderner Diagnosen und Therapien.
Der Autor ist nicht nur Psychiater und Psychotherapeut, er ist auch Theologe. Dies merkt man teils auch, etwa, wenn er auf die kirchengeschichtlichen Hintergründe der Psychiatrie eingeht oder Therapien religiösen Inhalts beschreibt. Gleichsam wird er dabei nie dogmatisch: Obwohl bekennender Katholik, ist ihm religiöse Therapie lediglich ein Weg unter vielen. Er betrachtet ohnehin jeden therapeutischen Ansatz ausschließlich unter pragmatischen, nicht unter ideologischen Gesichtspunkten (weshalb auch die pseudoreligiösen Ausprägungen der Psychoanalyse bei ihm genauso schlecht wegkommen wie eine christliche Therapie, die die Grenzen zur Seelsorge überschreitet).
So scheut er sich denn auch nicht, Epiphanien auf Schläfenlappenepilepsien oder das Wirken Franz von Assisis auf eine Schizophrenie zurückzuführen. Und mehr als einmal zitiert er Nietzsche, nicht nur als Beispiel der Wirkung einer Syphilis, auch in Hinblick auf den kritischen Umgang mit Normalität und Krankheit. Dass es sich bei diesen beiden Begriffen um sehr dehnbare handelt, dass gerade die Normalität (und in Abstraktion davon auch das Gegenteil, also die Krankheit) nichts als ein Konstrukt ist, das in der Wirklichkeit nicht vorkommt, macht Lütz schon zu Beginn seiner Einführung klar. So geht er auch eher operativ (eben als Mediziner) nur dann von Krankheit aus, wenn ein Leiden den Patienten (oder auch sein soziales Umfeld) in seine Praxis treibt. Erst dann stellt er eine Diagnose, die nie Selbstzweck ist (wie etwa die psychologische Analyse von lebenden oder toten Prominenten, um ihnen ein seelisches Leiden nachzuweisen), sondern stets auf eine Therapie ausgerichtet. Die Gesundheit hat dabei stets, getreu dem Grundsatz „in dubio pro reo“, vorrangig: Im Zweifel hat der Patient als gesund zu gelten, um ihn nicht seiner Freiheit zu berauben. (Und, das merkt Lütz an mehreren Stellen an, um nicht durch fälschlich positive Diagnosen wirklich Heilungsbedürftigen die nötigen Ressourcen zu nehmen.)
Der Diktatur des „letzten Menschen“ im Sinne Nietzsches (Schopenhauer hätte wohl vom Durchschnittsmenschen oder der „Fabrikwaare der Menschheit“ gesprochen) setzt Lütz ein positives Bild von abweichendem Verhalten entgegen; nur wer leidet, soll behandelt werden. Alles andere wäre totalitär und menschenverachtend. In diesem Sinne trägt das Buch sehr zu einer gewissen Form von Aufklärung bei. Uniformität war und ist Kennzeichen aller Absolutheitskulte.
Ein besonderes, weil heutzutage nicht selbstverständliches Merkmal sticht zudem formal heraus: Das Layout ist nahezu perfekt. Eine angenehme Laufweite ermöglicht rasches, bequemes Lesen; Hurenkinder und Schusterjungen (also alleinstehende Zeilen an Anfang und Ende einer Seite) fehlen vollkommen.
Dennis Schmolk (Nürnberg)
Tags: behandlung, irre, manfred lütz

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